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Für Stargardter sind Gesichter nur schwer zu erkennen. Es ist meist schon schwierig, herauszufinden, ob die Person gegenüber  einen anblickt oder nicht. Das Unterscheiden verschiedener  Gesichtsausdrücke ist nur bei besonders gutem Licht möglich, und auch dann nur, wenn die Mimik deutlich sind. Damit fehlt ein wichtiger Faktor beim  Umgang mit anderen Menschen.

Vor einiger Zeit war ich mit einer jungen Famile im Restaurant essen. Die Grosseltern sowie eine Grosstante und weitere Verwandte und Bekannte waren mit dabei. Das Kleinkind stand im Zentrum - schliesslich war es sein zweiter Geburtstag - und hat den ganzen Tisch unterhalten. Insbesondere die verschiedenen Mütter und Tanten haben sich sehr über die Gesichtsausdrücke des Kleinen amüsier, als es versuchte, Mimiken nachzumachen, Laute ausprobierte oder zum ersten Mal ein Stück Tomate zu essen bekam.

Und dann kam unausweichlich  die Diskussion auf, wem der Sprössling nun gleicht. Hat er nun die Nase vom Grossvater väterlicherseits oder doch eher von der Mutter? Und kommen die Ohren mehr nach Onkel Theo oder dem Vater? Überhaupt, vom wem hat den der Vater seine Ohren geerbt?

Bei beiden Tischgesprächen geht es um Details, die ich gar nicht erst erkennen kann. Ein Gesicht erscheint mir immer etwas maskenhaft, feine Strukturen oder Gefühlsregungen dringen da nicht durch. Ein strahlendes Lächeln kommt durch, ein scheues nicht. Das Stirnrunzeln oder der fragende Blick erschliessen sich mir nur, wenn sie auch in der übrigen Körpersprache abgebildet sind oder von Geräusch oder Sprache begleitet sind. Schmerz oder Trauer sind besonders schwierig zu erkennen, da sie häufig still sind. Ist die Person nun nachdenklich oder gar eingenickt, und hat deshalb den Kopf gesenkt? So ist es mir passiert, dass ich dreimal an meiner Schwester vorbei ging bin, als sie schweigend, neben dem Telefon sass, bis mir aufging, dass der letzte Anruf Kummer ausgelöst hat und ich sie trösten konnte.

Manchmal kommt es auch vor, dass eine Person, die ich schon lange kenne, dicht genug bei mir und in günstigem Licht steht, dass ich ihr Gesicht zum ersten Mal richtig sehe. Ich bin dann erstaunt und auch etwas erschrocken über die Fülle von Detail, die sich mir da plötzlich eröffnen: die Augenfarbe, die Lachfältchen um die Augen, der Schwung einer Lippe. Doch das sind nur Momentaufnahmen, die alleine neben der gewohnten Maske stehen.

Zurück ins Restaurant: Im düsteren - oder auch gemütlichen - Licht des Lokals konnte ich das Kleinkind kaum erkennen. Also habe ich beim Wer-ist-wem-ähnlich-Spiel habe ich zustimmend genickt oder unverbindlich geantwortet. Und bei den Grimassen des Kleinen habe ich mitgelacht - nicht über die Grimassen selbst als über die entzückten Ausrufe und das Lachen der Erwachsenen.

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