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Stargardt hat auch Auswirkungen auf die räumliche Wahrnehmung. Damit meine ich nicht das einfache Übersehen eines Gegenstandes auf meinen Weg oder auf dem Tisch. Es gibt Momente, wo der gesamte Raum um mich herum seine Dreidimensionalität verliert.

Manchmal sieht man Bilder, die den Stargardt darzustellen versuchen.Sie zeigen eine Fotografie einer Person oder eines Gegenstandes und im Zentrum einen verschwommenen Fleck. Das trifft die Sache nicht ganz. Es ist richtig, dass alle Dinge, die in den Fleck passen, für einen Stargardter nicht mehr sichtbar sind. Aber es ist nicht so, dass wir mit einem verschwommenen Fleck im zentralen Gesichtsfeld herum laufen. Das Gehirn füllt den fleck auf. Es nimmt das, was es am Rande des Flecks erkennt, und füllt damit den Fleck auf. Schaue ich beispielsweise auf ein Fenster in einer gelben Hauswand, so ist das Fenster weg, und ich sehe einfach eine gelbe Wand.

Ich merke also nicht mal, dass ich das Fenster nicht sehe, dass es sich hinter dem Fleck versteckt. Ist die Umgebung des betrachteten Gegenstande nicht einheitlich, zum Bsipiel eine oder mehrere kontrastreiche Linien (Heizungsradiator, Rollladen), so schafft es das Gehirn nicht und ich bekommen Kopfweh, wenn ich zulange darauf starre. Hat die betrachtete Sache hingegen eine mehr chaotische Struktur (zB. eine überfüllte Auslage auf einem Flohmarkt oder auch ein Stück durchmischte Vegetation) scheint das Auffüllen des Flecks  wieder einfacher zu werden: Details spielen keine Rolle mehr, das Gehirn füllt einfach mit Chaos auf.

Dieses Auffüllen des blinden Flecks kann nun auch dazu führen, dass die räumlich Wahrnehmung ins Wanken gerät. Mir fehlen dann einige Details, die es dem Gehirn erlauben, das Gesehen zu einem vernünftigen Ganzen zusammen zu setzen. Ich wundere mich dann über den seltsamen Anbau bei jenem Haus und merke erst beim zweiten oder dritten Mal hinschauen, dass es eigentlich eine Tordurchfahrt ist. Oder ich greife nach dem Weinglas auf dem Glastisch und greife ins Leere, weil ich den Abstand grundfalsch eingeschätzt habe.

Diese Momente können ganz amüsant sein und mir neue Wege aufzeigen, Dinge zu sehen. Es gibt aber auch jene Momente, wo die Welt kurzzeitig komplett auseinander bricht und ich jegliche Räumlichkeit verliere. Beispielsweise wenn ich an einem sonnigen Tag einen Gehsteig entlang gehe:. Auf der einen Seite spiegelt eine Schaufensterfassade das Sonnenlicht zurück auf den Boden und vermischt sich mit den tanzen die Schatten des Laubwerks einiger Bäume, die die Strasse säumen. Wenn mir dann noch Leute entgegenkommen, deren Schatten sich auf dem Boden und im Schaufenster bewegen, und ich mich konzentrieren muss, den richtigen Durchschlupf zwischen den Leute zu finden, ohne jemanden zu rammen oder anzurempeln, dann kann es vorkommen, dass die Dimensionen vollständig auseinander brechen. Ich habe dann das Gefühl, statt auf dem Boden auf einer Wand zu gehen und gleich ins Leere zu treten, oder etwas in der Art. Ich erschrecke mich dann fürchterlich und bleibe wie angewurzelt stehen, bis sich mein Gehinn wieder eine Welt mit klaren Oben und Unten aufgebaut hat.

 

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